Freiheit versus Sicherheit 2

Beim Lesen von älterer Alpinliteratur, muss ich feststellen, dass in den Kletteranfängen des 20. Jahrhunderts von gesichertem Klettern nicht gesprochen werden kann. Schaut man sich die alten Bilder z.B. auch von einem Emilio Comici an, so sieht man ihn darauf, wie er mit einem Hanfseil um den Bauch 30 Meter über dem letzten Haken (geschlagen und rostig) an schwierigstem Felsgelände klettert. Dabei macht er einen durchaus entspannten Eindruck.  Sicher könnte man einwenden, dass dies auch heute noch zu finden ist. Wie z.B. bei einem Alex Honnold, der gänzlich ohne Seil unterwegs ist und allerschwerste Touren bewältigt. Auf der „Spielwiese“ dieser Einzelgänger mischt sich eigentlich keine „Bergpolizei“ großartig ein. Selbst der DAV huldigt den Leistungen dieser Klettergrößen.

 

 

Heute sind derartige Kletteraktionen, wie sie aus der beschriebenen Zeit angegangen wurden kaum vorstellbar. In einem Interview aus der Süddeutschen Zeitung spricht Rudi Berger folgende Worte:

“ Ich habe das Klettern mit Hanfseilen angefangen. Man wusste von diesen Seilen, dass sie einen schweren Sturz nicht aushalten würden. Man hat sich also so verhalten, dass man möglichst nicht runterfällt. Heute ist das Risiko relativ gering, ich sage immer Jojo-Klettern dazu. Man kann eine Kletterstelle so lang probieren, bis man hochkommt. Inzwischen fällt man drei, vier Mal ins Seil, ohne dass man sich etwas dabei tut. Manchmal hat man den Eindruck, dass Bergsteigen ein Synonym für Sicherheit geworden ist mit einer perfekten Ausrüstung und der Möglichkeit sich mit dem Handy Hilfe zu holen. Ich würde mich freuen, wenn es wieder abenteuerlicher werden würde.“

Heißt abenteuerlicher dann auch weniger Sicherungen mit weiten Abständen? Ist das in unserer heutigen Zeit noch angebracht, wo wir doch andere Möglichkeiten haben? Wäre das nicht so, wie wenn wir auf den Anseilgurt im Auto verzichten, um es bei einem Unfall abenteuerlicher und unberechenbarer zu machen, ob wir den Unfall überleben werden? Wären wir wirklich bereit, auf Knautschzonen, Airbags und sonstigen Sicherheitseinrichtungen zu verzichten um des Abenteuer willens? Wie können die Begriffe Abenteuer, Freiheit und Sicherheit in einen möglichen Zusammenhang gebracht werden? Können diese Begriffe überhaupt in einem Zusammenhang gedacht werden?

Wie sieht es nun aber aus in den Gebieten, in denen die breitere Masse unterwegs ist? Wie sieht es aus in Touren, die vom Erstbegeher eingerichtet werden, wie bei den Klettertouren von Heinz Grill? Ist es nicht ein Unterschied, ob diese einzelnen Klettergrößen in voller Bewusstheit diese Risiken eingehen oder ob ein gelegentlich kletternder Familienvater in Touren einsteigt, die als sicher (also Plaisir) bezeichnet werden? Was bedeutet jetzt aber Plaisir hier? Gibt es eigentlich eine offizielle Definition davon? Wie verhält es sich im Gegensatz zu Touren mit alpinem Charakter und darf das in die gut besuchten Klettergebiete übertragen werden? Bewegen sich die Klettertouren von H. Grill hier irgendwo in der Mitte?

Mit welchen Ambitionen und Vorstellungen geht der Kletterer oder Bergsteiger heute in die Berge?

Bei der Beschäftigung mit dieser Frage bin ich auf ein kleines Büchlein von Heinz Grill mit dem ungewöhnlichen Titel „Alpinismus, die Eroberung des Unnützen“ gestoßen. Darin beschreibt er 5 Erlebensformen und die Werte beim Bergsteigen. Ich muss gestehen, beim Lesen desselben, rückten doch die Fragen nach dem Sicherheitsstandard etwas in den Hintergrund. Aber wie gesagt nur beim Lesen. Denn direkt am Berg, sind mir „sichere“ Verhältnisse schon wichtig, da wird es schnell existentiell.

Über zahlreiche Kommentare zu den verschiedenen Fragen lade ich herzlich ein.

Bernd

Ein Kommentar zu „Freiheit versus Sicherheit 2

  1. Die technischen Sicherungsmöglichkeiten waren in der Zeit von Emlio Comici, zwischen den beiden Weltkriegen sehr gering. Comici war sich bewusst über den Wert seiner Sicherung und über die Sicherheit der Seilschaft. Er schätzte genau ein, wie viel sein geschlagener Haken aushalten würde. Verspricht er eine ordentliche Sicherung, kann er ihm das Körpergewicht anvertrauen, sich vorsichtig einhalten oder ist er gar nur eine moralische Sicherung. Was meinte er mit „moralischer Sicherung“? Er meint damit, dass sie keinen Sturz aufgefangen hätte. Aber warum nennt er sie „moralisch“? Was hat es mit Moral zu tun? Vielleicht, weil sie ein großes Maß an Vorsicht und Verantwortung forderte.

    Für ihn war die Vorsicht bedeutsamer für die Sicherheit und den guten Verlauf einer Klettertour, als Technik, perfektes Training und Tüchtigkeit. Die richtige Selbsteinschätzung des eigenen Könnens war für Comici ebenfalls ein Sicherheitsfaktor. Für Comici waren auch andere Aspekte der Sicherheit von Bedeutung. Sehr bedeutungsvoll in dieser Zeit war die Kameradschaft, das absolute Vertrauen in den Seilpartner und der Einsatz für ihn bis zum Tode. Man wusste um die Bedeutung für die Sicherheit, die durch die Aufmerksamkeit und Anteilnahme des Seilpartners entstand. Comici schreibt dazu in seinem Bericht über die Erstbegehung der Gelben Kante an der Kleinen Zinne: „Eine Tatsache möchte ich aber doch hervorheben: ein wichtiges Element, um nicht zu sagen der Angelpunkt überhaupt für das Gelingen eines so schwierigen Aufstieges stellt die Wahl der Seilgefährten dar. In diesem Fall spreche ich das Hauptverdienst meiner Kameradin Varale zu. Man glaube nicht, dass ich das aus einem Gefühl ritterlichen Verhaltens gegenüber einer Dame sage, oder weil sie vorangegangen wäre und vielleicht mit einem kühnen Streich die Schlüsselstelle überwunden hätte. Nein. Sie ist uns während der Ersteigung, die alle unsere Kräfte ausschöpfte, von großem Nutzen gewesen, weil sie immer wachsam und aufmerksam blieb. Ihr größtes Verdienst aber lag in der herzhaften und rechtzeitigen Aufmunterung die sie uns in den kritischen Momenten zuteil werden ließ. Ohne ihr fortwährende moralische Hilfe hätten wir vielleicht den Mut verloren und den Rückzug angetreten“ (Emilio Comici, Berge – Klettern, S 144).

    Bei der Erstbegehung der Nordwand der Kaltwasser Gamsmutter gedachten Comici und sein Kamerad Bruno Fabjan eines hier kurz zuvor verstorbenen Kletterer und baten um seine geistige Unterstützung. „Wir erhielten seine stumme Zustimmung, das sagte uns das Herz. Er war mit uns, er lud uns ein, den Aufstieg zu beginnen, er würde uns auch über die schwierigsten und gefährlichsten Stellen leiten und mit seiner unsichtbaren Hand über den Abgrund helfen….. Solche Überzeugung im Herzen stiegen wir in die Wand ein“ (E. C., Berge – Klettern S 45).

    Wenn unsere sogenannte aufgeklärte Zeit keinen Sinn oder keine Wahrnehmung mehr für diese tiefen Empfindungen Comicis und seines Freundes hat und der moderne Mensch sie als Sentimentalitäten oder Hirngespinste bezeichnet, können sie nicht trotzdem wahr und von Bedeutung sein?

    Dieser gedanklichen und mitfühlenden, mitfiebernden Hilfe durch den Seilpartner oder Personen die von unten die Kletterenden beobachten sollten wir uns wieder mehr bewusst werden. Unsere Zeit ist von der Technik beherrscht und der Seilpartner oft nicht viel mehr als eine Sicherungsmaschine.

    Je nach dem, welche Motive der Kletterer bei seinem Tun verfolgt, wird er die entsprechende Art der Absicherung bevorzugen und verwenden. Ist sein Motiv ein rein sportliches, liegt es in der Erbringung der größtmöglichen physischen Leistung, die auch bewusst Stürze in Kauf nimmt, wird er auf eine optimale Sicherung wie den Bohrhaken nicht verzichten.

    Sucht er mehr das Abenteuer, die Gefahr, waghalsige und risikoreiche Anforderungen, die auch eine große psychische Kapazität voraussetzen, wird er Klettertouren wählen, die nur spärlich gesichert sind, Touren, die der Zeit des Comici nahekommen. Dabei kann der Kletteranfänger eine leichte Tour im Nachstieg schon als Abenteuer erleben. Für Comici waren es die schönsten Stunden, in denen sich das Leben in Gefahr befand. „Nur dann ermessen wir seinen (des Lebens) richtigen Wert. Vielleicht wird jemand sagen, dass diese Worte wie ein Widerspruch klingen. Nein, im Gegenteil! Den so lernt man leben, so macht man Geist und Körper stark, und mit der gleichen ruhigen Überlegung mit der man die zu ersteigende Wand angeht, wird man dann allen Mühsalen des Lebens entgegentreten. Unser Kampf ist also nicht sinnlos, er ist kein nutzloses Risiko, vielmehr eine hohe Schule, die den Charakter des Menschen stählt“ (E. C., Berge – Klettern). Ähnlich formuliert es Giuliano Stenghel: „Das Bergsteigen kann deshalb auch ein Heilmittel, eine Therapie sein. Es führt uns notgedrungen dazu, Risiken und Opfer auf uns zu nehmen oder die Angst vor dem Fliegen, sich einige Knochen zu brechen oder sogar das Leben zu verlieren, zu überwinden. Dafür aber lehrt es uns, große und unerwartete Schwierigkeiten, auch Lebensschwierigkeiten zu übersteigen und macht uns etwas glücklicher, Der Berg also unterrichtet uns allgemein“ (Giuliano Stenghel – Heinz Grill, Trasmettere passione – Wie überträgt man seelische Erfahrungen im Klettern S 10).

    Auch meine Erfahrungen sind ähnlich. Eine Klettertour, die einem alles abverlangt, Strapazen, Mut und Selbstüberwindung erfordert, bringt eine Stärkung des ganzen Menschen, stärkt den Willen zu Leben und die Freude am Leben. Man fühlt sich wieder mehr verbunden mit den Mitmenschen und der Umwelt und widmet sich mit neuer Kraft und Freude seinen Aufgaben.

    Franz Heiß

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